Die Geschichte des Grabower Altars aus St. Petri zu Hamburg (Veröffentlicht in "Land und Leute" Nr.: 5 1960) Der 26. August 1902 ist für die Geschichte der Stadt Grabow ein bedeutungsvoller Tag. An diesem Tage kamen aus Schwerin mehrere Herren nach Grabow. Sie kamen als Vertreter des Ministeriums und des Oberkirchenrates. Die Zusammenkunft hatte den Zweck, im Beisein der Gra bower Pastoren und der Vertreter des damaligen Großherzoglichen Amtes eine Besichtigung des Altarschreines der Grabower Kirche vorzunehmen. Diese Besichtigung sollte zu einem entscheidenden Ereignis der kleinen Eldestadt werden, denn sie war der Auftakt, daß die Stadt das für sie koststbarste Kunstwerk hingeben sollte, das sie 169 Jahre besessen hatte. --- Wie waren die Grabower zu dieser Kostbarkeit gekommen? Die Geschichte geht eigenartige Wege. Hier legte sie den Bürgern einer Kleinstadt vor langer Zeit ein Geschenk in den Schoß, von dessen Wert niemand etwas ahnte. Am 3. Juni 1725 vernichtete eine gewaltige Feuersbrunst fast die ganze Stadt. Auch das Rathaus, das Schloß und die Kirche gingen in Flammen auf; von letzter blieben nur die kahl aufragenden, rauchgeschwärzten Grundmauern stehen. Während sich bald nach dem Brande in der Stadt fleißige Hände regten, die Schäden zu heilen, ging der Wiederaufbau der Kirche langsamer vor sich. 1733 endlich war die Kirche soweit fertig, daß man an die Ausstattung des Inneren gehen konnte. Die Kanzel, ein Geschenk aus Lübeck, wurde hinein gebaut, und am 12. Februar 1734 erfolgte die Aufstellung des Altars. Er stammt aus Hamburg. Ein Hamburger Bürger, Johann Hellwig Gerdes, hatte ihn von der St. Petrikirche aus Liebe für die Grabower Kirche losgebeten. Gerdes hat den Altar in seinem Hause reparieren lassen und die Ausbesserungs- und Transportkosten getragen. Der Grabower Altar ist lange Zeit unerkannt geblieben. Selbst der berühmte mecklenburgische Forscher Friedrich Lisch hat den Wert des Altars nicht gleich erkannt. Lisch berichtete 1845 zuerst in der Öffentlichkeit über ihn: "Die Bildhauerei und das Schnitzwerk, als auch die Malerei sind durchaus gewöhnlich und nicht besser, als sie sich häufig und überall finden." Dies Urteil schnitt jede weitere Anteilnahme ab. Später sieht er seinen Irrtum ein. In seinem Erachten als Konservator der Kunstdenkmale des Landes vom 18.1.1856 über die Restauration der Kirche zu Grabow bezeichnet er den Altar als eines der besonderen Werke dieser Art im Norden Deutschlands und empfiehlt wegen der vorhandenen Schäden die Restauration, deren Kosten er auf 1000 bis 1200 Taler schätzt. Und im Jahrbuch von 1873 des meckl. ‘Geschichtsvereins schreibt er dann öffentlich: "Das Werk stellt sich als eine ungewöhnlich große und namentlich in der Architektur außerordentlich reiche Arbeit aus der besten Zeit des gotischen Stils heraus. Inzwischen war die Restauration des Kunstwerkes 1867/69 durch den Hofmaler Greve in Malchin, der auch den Güstrower Altar restaurierte, erfolgt und es stand in alter Schönheit wieder in der Grabower Kirche. Man hielt den Altar allgemein für eine lübische Arbeit — sogar Friedrich Schlie bezeichnete, ihn noch 1899 in seinem Monumentalwerk der Kunst- und Geschichtsdenkmale Mecklenburgs als lübisches Werk —‚ bis der Hamburger Museumsmann Professor Alfred Lichtwark auf das Kunstwerk aufmerksam wurde. Zusammen mit dem Schweriner Friedrich Schlie entdeckte er den wahren Wert des Grabower Altars als das Geschenk des Meisters Bertram von Minden, eines aus Westfalen zugewanderten Künstlers, der von 1367 bis 1415 in Hamburg gewirkt hat. Professor Lichtwark ist als eifriger Sammler bekannt geworden, dem Hamburg viel zu verdanken hat. Bereits 1898 wanderte aus dem Schweriner Museum der Thomasaltar von 1424 des Meisters Francke — mit dem schönsten norddeutschen Weihnachtsbilde — aus der ehemaligen Hamburger St. Johanniskirche nach Hamburg zurück, der ebenfalls ein Hauptwerk mittelalterlicher Kunst ist. Nun gelang es Lichtwark, von der Grabower Kirche für 65 000 Mark Meister Bertrams Petrialtar für die Hamburger Kunsthalle zu erwerben. Der 12. Februar des Jahres 1903 war der letzte Tag, an dem sich das Altarwerk in Grabow befand. Von dem Erlös flossen 20000 Mark in den Turmbaufonds. Die Grabower bauten zwar mit dem Geld in den Jahren 1906/07 einen neuen Kirchturm, der uns heute in seinem neugotischen Stil mit dem hohen, steilen Helm wie damals von 1725 von ferne grüßt, doch ging ihnen ein bedeutendes altes Kunstwerk unwiederbringlich verloren. "Das ist eine Erinnerung, bei der man sich hinter ‘den Ohren kratzt", schreibt Edmund Schröder launig über diese Episode in seinem Mecklenburg-Buch. Nun steht der herrliche Altarschrein im Erdgeschoß der Hamburger. Kunsthalle, ergänzt durch die beiden Außenflügel, die er in Grabow nicht hatte. Grabow hat den Ruhm, diesem Altar den Namen gegeben zu haben, und das mit Recht. Da die Hamburger Petrikriche 1842 dem großen Hamburger Brand zum Opfer gefallen ist, so wäre das Altarwerk höchstwahrscheinlich damals mit verbrannt. E. D. Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Grabow